Kognitive Dissonanz

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Der Name eines Musikprojektes bringt auf den Punkt, wie sehr wir uns mit der Normalität des Wahnsinns bereits identifiziert haben. Die jungen Menschen nennen sich selbst "Gestört aber Geil" und drücken damit aus, wir ver-rückt (im wahren Sinn des Wortes) unser Wertempfinden für uns selbst, den Umgang mit uns und der Welt, in der wir leben, tatsächlich ist.

Kulturimmanente Verletzung

Anstatt sich mit sich und den eigenen Wunden zu beschäftigen, die sehr offensichtlich vorhanden sind, werden sie und die aus ihnen resultierenden Verhaltensformen als hart und ... ja was? Zeichen von scheinbarer Überlegenheit glorifiziert. Als hätte es etwas Heroisches, gestört zu sein. Mit einer "Na und?! Ist mir doch egal! Ich bin halt so, wie ich bin!!!" (die Ausrufezeichen sind wichtig) Haltung scheint jede noch so fragwürdige Verhaltensform legitimiert und von berechtigtem Zweifel freigesprochen.

Im Gegenteil wird das "Hartsein", das sich als "Checker" Inszenieren, das der Welt Demonstrieren, wie sehr sie einem scheinbar nichts anhaben kann, als allgemein erstrebenswerte Haltung gefeiert. Synonyme für Potenz, Kraft und Unbesiegbarkeit. Also männliche Werte, die in unserem Kulturkreis ohnehin bei jeder Gelegenheit massiv überbetont werden. Und zwar von allen Geschlechtern. Während im Gegenzug das weibliche Prinzip immer mehr zu verschwinden droht. Eine Entwicklung, die nicht nur für unsere subjektive Realität bedenklich ist. Sie spiegelt vor allem unsere kollektive Wirklichkeit und zeigt damit die Dynamik unserer Selbstzerstörung auf. So, als säßen wir in einem Sportwagen, mit dem wir, 200 km/h schnell, auf eine Betonwand zurasen, dabei lächelnd aus dem Seitenfenster schauen und noch ein Selfie machen.

Nicht zuletzt wird sie in Form des Halloween-Kults in ein Extrem geführt, in dem die oder der am "coolsten" ist, die oder der die übelste Verstümmelung, Verletzung, Ursache für Leid und Tod in der jeweiligen Maskerade zum Ausdruck bringt. So, wie auch die Filmindustrie vorzugsweise Blockbuster produziert, in denen viele Menschen gequält und getötet werden. Ein "richtiger" Held ist vor allem, wer andere masakrieren kann und eine Blutspur hinter sich herzieht. Ganz sicher gerade weil wir so sehr Angst vor dem Mysterium Tod und unserer eigenen Endlichkeit haben, die wir nach Kräften verdrängen.

Damit wird die weit verbreitete, kognitive Dissonanz nicht nur zugedeckt, sondern als eine Art Recht auf mentale und emotionale Verstümmelung verteidigt. Woran erinnert das gleich wieder? Ja richtig. An einen Junkie. Auch der Koks-Junkie weiß sehr genau, dass sein Suchtverhalten zumindest fragwürdig ist. Aber wird er darauf angesprochen, geht er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in die Abwehr und wird sein Gegenüber angreifen.

Es bringt in der Tat auch nichts, da etwas aufbrechen oder helfen zu wollen. Solange die innere Bereitschaft, sich die eigenen Verletzungen und Blockade anzusehen, nicht vorhanden ist, wird ein Mensch ohnehin keinen Zugang zu einem Wachstums- und Heilungsprozesses bekommen. Wachsen und heilen können wir immer nur selbst. Das kann und darf uns keiner abnehmen. Und solange sich die Tür nicht zeigt, kann sie unmöglich geöffnet werden. Solange sie nicht geöffnet werden kann, kann auch niemand durch sie hindurch gehen.