Studienwahn

Artikel bewerten
(9 Stimmen)

Wissenschaftliche Studien, wie auch wissenschaftliche Beweise, sind heute der einfachste und billigste Weg, einer Aussage Glaubwürdigkeit zu verleihen. Völlig unabhängig, wie zweifelhaft oder unseriös eine solche Aussage bei näherem Hinsehen auch sein mag. Wird das Ganze noch aufwendig multimedial in Szene gesetzt, ist dem Beifall kaum noch Einhalt zu gebieten.

Profunde Kompetenz

Aber woran liegt das?

Nun zunächst wohl daran, dass die Wissenschaft - und hier besonders die Naturwissenschaft - schon lange den Akzeptanzstatus, wie einst die großen Religionen genießen. Wird heute behauptet, etwas sei durch naturwissenschaftliche Studien belegt oder sogar (empirisch) bewiesen, hat das in etwa die Relevanz, als hätte ein Inquisitor im Mittelalter oder der Papst verkündet, etwas sei der Wille Gottes. Beides Aussagen, die nicht nur geglaubt, sondern auch zum großen Teil nicht einmal infrage gestellt und im Zweifel erbittert verteidigt werden.

Den Nährboden für diese emotionale und mentale Haltung bereitet das, was wir als Erziehung kennengelernt haben. Ein Vorgang, der sich durch mein gesamtes Wirken zieht, wie ein roter Faden und auch das Lebenswerk von Alice Miller, wie auch zu großen Teilen von Arno Gruen bestimmt. Das Thema Erziehung ist auch ein wesentliches Kernstück meiner Arbeit als Coach und meiner Webinare. Denn sie macht aus uns Menschen, die wir im Zweifel gar nicht sein wollen, zwingt uns in eine Haltung, in ein emotionales und mentales Wertekorsett, das uns unbewusst steuert, ohne, dass wir es merken.

Dabei bekommen wir zwei elementare Botschaften, oft kurz, nachdem wir dem Mutterleib entschlüpft sind und angefangen haben, irdische Luft zu atmen:

  1. Dass das, was aus uns natürlich herauskommt, falsch ist
  2. Dass es jemanden gibt, die/der es besser weiß

 

Wen wundert es wirklich, dass wir dann später als Erwachsene zu großen Teilen Schwierigkeiten haben, eigene Entscheidungen zu treffen, bzw. Entscheidungen treffen, die vor allem von erlernten Glaubenssätzen getrieben sind? Woher soll die Eigenständigkeit, die Verbindung zu unserem Urkern kommen, den wir oft verstecken müssen, um ihn vor Übergriffen der Erwachsenenwelt zu schützen? Und wen wundert es wirklich, dass wir selbst offensichtlich Unsinniges glauben sowie uns davon lenken lassen?

Oft müssen wir uns so sehr mit den anerzogenen, erlernten Wahrheiten identifizieren, dass wir aus voller Überzeugung glauben, sie seien unsere freie Entscheidung, das, was aus uns herauskommt. Ich gehe auf dieses Thema sehr detailliert in meinem Webinar "Der Fremde in uns" ein, das ich sehr bewusst nach einem Buch von Arno Gruen benannt habe. Wir hänge oft an unsichtbaren Nylonfäden, wie Marionetten und führen ein Programm aus, von dem wir bewusst nichts wissen.

Und wenn dann jemand kommt und uns mit der 2. Botschaft konfrontiert, dass es jemand besser weiß, tun wir, was wir gelernt haben und glauben, was uns erzählt wird. Wenn das dann noch angeblich von jemandem kommt, der Naturwissenschaftler ist, sinken alle Barrieren des Zweifels. Sie oder er muss es ja wissen. Ich habe tatsächlich noch nie erlebt, das jemand die Fragen gestellt hat: "Welche Studie? Von wem? Wie wurde untersucht? Wie sehen die Ergebnisse im Detail aus?"

Früher würde ich an dieser Stelle Kant zitiert haben. "Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bemühen." Aber was nützt ein Verstand, der von unbewussten Mustern gesteuert wird, ohne, dass wir es merken?

Medien

Videos zu Illustration YouTube (Google Inc.)
Mehr in dieser Kategorie: « Kognitive Dissonanz Coaching »