Coaching

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Wer heute Hilfe oder Begleitung auf seinem Weg sucht, steht vor einer nicht einfachen Aufgabe. Oft höre ich von Menschen, die an dem Punkt sind, ihr Leben verändern und sich hierfür Unterstützung suchen zu wollen, dass sie nur schlechte Erfahrungen machen. Wenn ich einen genaueren Blick in die Coaching-Szene werfe, wundert mich das nicht im Geringsten.

Eine Frage der Definiton

»...denn erst, wenn die Therapeuten es nicht mehr nötig haben, die Erwachsenen vor dem Vorwurf des verletzten Kindes zu schützen, weil sie ihre eigenen unbewußten kindlichen Vorwürfe erlebt und akzeptiert haben, werden sie andere Menschen bei der Aufarbeitung ihrer schmerzlichen Vergangenheit adäquat begleiten können.«, Alice Miller, Du sollst nicht merken

 

Leider sind es oft, die, die anderen Hilfe und Unterstützung anbieten, die ihrerseits Hilfe und Unterstützung brauchen und nicht selten versuchen, bei ihren Klienten zu therapieren, was sie bei sich selbst nicht therapieren können. In der Psychologie auch als Übertragung bekannt.

Kritisch wird es, wenn der Coach noch in der Abwehr steckt und eigene Themen zudecken muss - insbesondere die eigenen Eltern schützen muss und noch nicht anklagen konnte. Also dem Elterntabu verhaftet ist. Dann werden nicht nur die Erklärungsversuche sowie Denkmodelle "kreativ", sondern die Übertragung auf den Klienten im Zweifel für diesen gefährlich.

Jemand, die/der wirklich Hilfe sucht, wird zunächst nur bedingt kritisch hinterfragen, was von einem Coach kommt, die/der von sich behauptet, eine gewisse Kompetenz und Erfahrung mitzubringen. Entsprechend wird die Unterstützung und das, was vom Coach kommt, zunächst eher ungefiltert aufgenommen. Etwas, was fatale Folgen haben kann. Denn die meisten Coaches sind selbst noch zu sehr in ihren eigenen, unbewussten Mustern verhaftet und versuchen vor allem Erlerntes irgendwie anzuwenden.

 

Aber was macht einen guten Coach aus?

"Aus dem, was ich als Anwaltsfunktion des Analytikers bezeichne, ergeben sich weitverzweigte Konsequenzen, wenn man diese Bezeichnung nicht nur oberflächlich sieht. Auch im juristischen Bereich erwarten wir von einem Anwalt, daß er sich nicht darauf beschränkt, das, was ihm sein Klient berichtet, in eine vom Gericht geforderte Sprache zu übersetzen und dorthin weiterzuleiten. Wir erwarten von ihm mehr, nämlich, daß er die ihm angebotenen Fakten in einem Zusammenhang sieht, der seinem Klienten noch verborgen bleibt, daß ihm daher neue, bisher unbemerkte Tatsachen auffallen und er so in die Lage kommt, die Interessen seines Klienten besser wahrzunehmen als dieser selber. Ähnliches bedingt die Anwaltsfunktion des Analytikers, doch mit dem entscheidenden Unterschied, daß sein Wissen einer emotionalen Grundlage Bedarf, die ihm die Erfahrung seiner eigenen Lehranalyse vermittelt. Mit diesem Sensorium ausgestattet, wird der Analytiker nicht nur theoretisch wissen, daß die Kindheit eine entscheidende Rolle im Leben seines Patienten spielt, sondern er wird auch spüren dürfen, was es für ein kleines Kind heißt, den Bedürfnissen und Ansprüchen der Erwachsenen vollständig ausgeliefert zu sein.", Alice Miller, Du sollst nicht merken

 

Ein guter Coach schöpft vor allem aus seiner eigenen Erfahrung, nicht aus erlernter Theorie. Sie oder er hat im Idealfall die eigene Biografie aufgearbeitet und hierbei entwickelt, was sie/er anderen anbietet, als begleitende Impulse. Außerdem beherrscht ein solcher Coach die Kunst des Zuhörens und versteht es, den Klienten durch Fragen in seinem sich selbst Verstehen zu unterstützen. Vor allem hat ein guter Coach verstanden und verinnerlicht, dass nur seine Klientin/sein Klient sich selbst helfen kann, weil nur die Klienten die eigene Wahrheit kennen, wenn auch oft nicht bewusst.

Anregende Impulse des Coaches sind hierbei niemals fertige Lösungen oder für sich selbst gefundene Wahrheiten. Und ein Coach übernimmt niemals die Verantwortung für einen anderen Menschen, denn das wäre co-abhängig und auf ganzer Linie kontraproduktiv. Im Gegenteil unterstützt er den Klienten dabei, die eigene Verantwortung zu erkennen und im Idealfall zu übernehmen.

Die Aufgabe des Coaches ist wissend beizustehen, mit dem Klienten in seinem Tempo die nächsten Schritte zu finden und durch Fragen zu spiegeln. Dazu braucht es viel Empathie und eben Erfahrung. Beides Fähigkeiten, die sich nicht in einer Ausbildung erlernen lassen, sondern Ergebnisse eines eigenen Entwicklungsprozesses sind.

Zudem versteht sie oder er die Kunst, komplexe Zusammenhänge zu entmystifizieren und so zu transportieren, dass sich der Klient die für seine Wahrheit relevanten Teile herausziehen sowie in seinen Prozess einbinden kann. Vor allem versucht ein guter Coach nicht, einfache Antworten auf komplexe Fragen und Herausforderungen anzuwenden, oder gar mit erlernten Motivationsparolen tief liegende, emotionale Muster auflösen zu wollen.

 

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