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Sexueller Missbrauch

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Sexueller Missbrauch ist deutlich weiterverbreiteter, als viele glauben. Nicht zuletzt, weil die Formen vielfältig und mitunter sehr subtil sind. Nicht selten erleben wir Formen des Missbrauchs, ohne uns dessen bewusst zu sein, weil sie nicht zuletzt bagatellisiert werden (müssen), um den Schaden zu verschleiern, den sie anrichten.

Bei vielen erzeugt der Terminus sexueller Missbrauch sofort eine koitale Assoziation, also das Bild des körperlichen Eindringens.

Diese Assoziation ist auch ganz sicher nicht falsch, aber sie beschreibt ein Extrem, das deutlich weniger vorkommt, als die subtilen sowie gängigen Missbrauchsformen und verführt zu der Annahme, die Übergriffigkeit bewege sich, rein quantitativ, in einem nicht allzu dramatischen Rahmen.

Aber wie erklärt es sich dann, dass Sexualität für sehr viele Menschen ein schwieriges Thema ist?

Oft von starker Unsicherheit, nicht selten von Scham besetzt, scheint eine freie, ungehemmte und erfüllte Sexualität für viele nur ein ferner Traum zu sein. Nicht selten wird Sexualität als Mittel benutzt, auf andere Macht auszuüben, zu dominieren oder sich - im krassen Gegenteil - selbst zu erniedrigen (also sadistisch oder masochistisch ausgeübt zu werden). Auch das sehr aggressive und offensive Ausleben körperlicher Begegnung reiht sich hier nahtlos ein, da das nur die andere extreme Seite der Medaille ist, also eine Komplementärerscheinung.

Auch hier wächst das Coaching-Angebot, weil immer mehr Menschen Hilfe in diesem Bereich suchen und sich gerne mit der Verheißung locken lassen, man müsse nur dies oder jenes ein bisschen anders machen, um mehr Erfüllung zu erleben.

Dieses, in jeder der beschriebenen Fälle, unnatürliche Ausleben von Körperlichkeit lässt aber fast immer den Rückschluss auf ein gestörtes Verhältnis zu ihr und dem eigenen Körper zu. Und diesem gestörten Verhältnis liegt in der Regel ein Missbrauch zugrunde.

 

Welche Formen des Missbrauchs gibt es?

Er beginnt bereits bei der ungefragten Stimulation des Geschlechts durch die Eltern in kleinstem Kindesalter. Etwas, was sehr viel häufiger vorkommt, als man meinen möchte und so gut wie nie böse gemeint ist. Da viele Eltern oft selbst eine unbewusste Störung in sich tragen, von der sie nichts wissen, wirkt ein Säugling oder kleines Kind verführerisch, in seiner unschuldigen Art und seinem Ausgeliefertsein.

Auch lüsterne Blicke oder andere Formen der Übertragung sexueller Sehnsucht auf ein Kind oder einen Jugendlichen - zum Beispiel durch Zärtlichkeiten, die nicht frei sind von sexueller Anziehung und Begierde - wirken verstörend und verunsichernd, da ein Kind/Jugendlicher nicht weiß, ja nicht wissen kann, wie es/er darauf antworten soll. Solche Missbrauchsformen sind nicht zuletzt die Grundlage für Freuds Triebtheorie, die noch immer ein fester Bestandteil des psychoanalytischen Paradigmas ist.

Verbaler Missbrauch ist hingegen an der Tagesordnung. Seien es abfällige Bemerkungen über die anatomische Beschaffenheit, sei es, dass ein oder beide Elternteil/e ein Kind in zu frühem Alter in ihre sexuellen Aktivitäten hineinziehen, indem sie ihm davon mehr oder weniger im Detail berichten, es mit sexuellen Bildern fluten, mit denen das Kind nichts anfangen kann, weil es noch nicht dafür bereit ist. Wobei dieses Unwohlsein, das Bilder und Assoziationen auslösen können, auch bei Erwachsenen gegenwärtig bleibt, wenn für sie Körperlichkeit nicht einen inflationären Wert darstellt. Nicht zuletzt die Porno-Industrie sorgt mit ihren immer wieder bedienten Klischees nicht nur für ein Abstumpfen, sondern auch für ein ödes und mechanisches Verständnis des Vorgangs Sexualität, das viele als Rollenvorbild annehmen und tatsächlich glauben, so müsse das funktionieren und praktiziert werden. Leider dabei übersehend, dass durch dieses Mechanische die Seele der Körperlichkeit zerstört wird.

"Die Tendenz, das Kind für alle seine Bedürfnisse optimal zu benützen, ist so weit verbreitet und in der ganzen Weltgeschichte so selbstverständlich, daß ich auch beim sexuellen Mißbrauch nicht von einer Perversion sprechen möchte, sondern von einer der vielen Formen von Machtausübung des Erwachsenen über das Kind." schreibt Alice Miller in ihrem Buch "Du sollst nicht merken".

Natürlich ist die Skala nach oben hin offen. Vom Eindringen mit dem Finger in den Anus, das Spielen an den Geschlechtsteilen, bis eine Erektion und später Ejakulation erfolgt und dann im Extrem das (gewaltsame) körperliche Eindringen.

Immer bleibt in dem Kind die Scham der Entwürdigung zurück, die es niederkämpfen muss, um nicht die "Liebe" des übergriffigen Eltern- oder Geschwisterteils zu gefährden, von der es so abhängig ist. Oder anderer Erwachsener, von denen wir sehr schnell und früh lernen (mussten), dass ihnen im Zweifel mehr geglaubt und denen mehr zugestanden wird. Also flüchten die Betroffenen in die Verdrängung, einem Schutzmechanismus der Psyche, und kann sich im Zweifel im Erwachsenenalter nicht einmal mehr an den Übergriff erinnern. Bis es aus ihnen entweder in Form unnatürlicher Verhaltensformen, wie zum Beispiel Impotenz, Frigidität, überhaupt der Unfähigkeit zu fühlen, oder in Form körperlicher Symptome - beispielsweise heftige Menstruationsbeschwerden, Blasenentzündungen oder Prostatabeschwerden - herausbricht, um ihre unbewusste Geschichte zu erzählen.

Die als religiöse Freiheit verteidigte Beschneidung schließlich stellt ein Trauma dar, das im Körper als Traumaenergie gespeichert wird und einen natürlichen Zugang zu Sexualität quasi unmöglich macht, solange diese Energie nicht aufgelöst wird. Auch sie bricht sich im Zweifel durch besagte Symptome oder Verhaltensformen Bahn, da sich die Betroffenen an den Eingriff selbst altersbedingt nicht erinnern können und ihnen ein Leben lang erklärt wird, dass das richtig und gut sei - oder besser: sein muss.

Aber, auch wenn wir gelernt haben, unserer eigenen Wahrnehmung, unserem Gefühl zu misstrauen und stattdessen daran zu glauben, die Eltern oder anderen Erwachsenen dürften auf keinen Fall angezweifelt werden, so können wir auf eines immer uneingeschränkt vertrauen: "Der Körper hat immer Recht." (Zitat von Hanne Seemann)

Wenn unser Verhältnis zu Sexualität schwierig ist und unser Körper Symptome entwickelt, die im Bereich des Sexualorgans angesiedelt sind, will uns das immer darauf hinweisen, dass etwas in unserer Psyche eingeschlossen ist, das es auszugraben gilt. Etwas, das eine tiefe Verletzung unserer Seele zudecken und beschützen will, weil es eine Zeit gab, in der wir nur so überleben konnten. Fängt unser Körper an, mit Hilfe von Symptomen mit uns zu sprechen, ist es an der Zeit, uns unserer Wahrheit zu stellen.