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Wut

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Oft erleben wir Menschen, die besonders in Gefühlsfragen sehr unentspannt oder sogar zornig wirken. Wenn wir offen regieren können, der Person nicht auf der Wutebene begegnen müssen und nach den Gründen fragen können, stellt sich diese Haltung vor allem als Versuch heraus, sich zu schützen.

Vielleicht hat das der ein oder andere schon selbst erlebt. Wir lernen jemanden kennen, finden diejenige oder denjenigen sympathisch, entdecken vielleicht sogar Gemeinsamkeiten und ein Schimmer der Hoffnung glimmt heller, dass es passen könnte. Es beginnt ein wenig zu knistern und wir fangen an, uns der Vorstellung zu nähern, daraus könne sich eventuell etwas entwickeln.

Bis wir scheinbar etwas Falsches sagen und eine völlig überzogene Reaktion erleben.

Sei es, dass unser Gegenüber uns den Mund verbieten möchte, sei es, dass es unsere Gedanken oder Aussagen versucht, in eine andere Richtung zu korrigieren oder aber durchdreht. Manchmal geht die Reaktion soweit, dass die Person völlig dicht macht und jeden weiteren Kontakt abwürgt.

Versuchen wir, auf sie einzugehen und nach den Ursachen zu forschen, bekommen wir nicht selten entweder keine, oder sehr knappe Antworten. Oft gefolgt von Aussagen, die Themen seien aufgearbeitet - wenn die Person bereits eine Therapie gemacht hat - oder, dass sie nicht darüber sprechen möchte. Manchmal mit der Begründung, sie wolle verzeihen und nicht in das negative Gefühl driften, sondern positiv denken.

Alle diese Reaktionen sind Schutzbemühungen. Besonders, wenn die Person bereits eine Therapie gemacht hat, sind die Wut und die Abwehr - denn nichts anderes sind solcherlei Reaktionen - sichere Hinweise, dass da noch nichts wirklich aufgearbeitet wurde. Im Gegenteil wollen solche Rektionen erlittene Verletzungen zudecken, unsichtbar und unspürbar machen, oft in der Hoffnung, sie hierdurch loszuwerden. Aber nur die kleinste, in der Regel ungewollte Berühung dieser Wunden zeigt sofort wieder, dass sie noch da sind und lässt sie augenblicklich wieder bluten.

Wut ist nur ein anderes Wort für Aggression und beschreibt einen natürlichen Schutzmechanismus. Wir reagieren vor allem aggressiv, wenn unser Schmerzzentrum im Gehirn aktiviert wird. Die Aggression hat unter anderem die Funktion, Energie im Körper zu mobilisieren, die wir brauchen, um uns zu schützen, um uns verteidigen zu können. Ein archaisches Muster, das in unserem Hypothalamus gespeichet ist - also einem Bereich unseres Gehirns, der sich unserer Wahrnehmung und unserem bewussten Zugriff entzieht. Wir sind diesem Mechanismus also, mit anderen Worten, völlig wehrlos ausgeliefert und können ihn nicht steuern. Wir können ihn maximal niederkämpfen, wie wir es in der Regel in frühester Kindheit anerzogen bekommen, da Aggression als nicht schicklich, nicht salonfähig verpönt und ergo nicht vorzeigbar ist. Was nichts daran ändert, dass sie vorhanden ist und nur nicht offen gezeigt werden darf. Bis sie sich irgendwann unweigerlich Bahn bricht und zutage tritt. Sei es in Form von aggressiven Ausbrüchen und kollerischen Anfällen, sei es als Depression oder in Form köperlicher Symptome, wie beispielsweise Gallen-, Blasen- oder Nierenproblemen (um nur einen Auszug zu benennen).

Somit ist eine Person, die uns aggressiv begegnet also tatsächlich entweder soweit, zumindest diese Aggression zulassen zu können (im Falle einer gemachten Therapie immerhin ein kleiner Erfolg), oder die Spitze des Aggressionseisberges, unter dessen Oberfläche noch jede Menge weiterer Aggressionen schlummert, die im Zweifel unkontrolliert ausbrechen (beispielsweise unter Alkohol- oder Drogeneinfluss).

Die Entscheidung, ob wir uns dem aussetzen und mit einer solchen Persion in Beziehung gehen wollen, muss letztlich jeder für sich selbst treffen. Folgen wir dabei einem inneren Drang zu helfen (Helfersyndrom), ist es ganz sicher keine schlechte Idee, sich dieses Bedürfnis genauer anzusehen und zu prüfen, ob es sich dabei um Co-Abhängigkeit handelt.

Von einem Gedanken können wir uns allerdings tatsächlich verabschieden: Dass eine Person, die wir auf diesem emotionalen Stand erleben, liebesfähig ist und nur manchmal eine anstregende, unglückliche Phase hat.