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Der Begriff Beziehung ist, neben dem der Liebe, einer der missverstandensten überhaupt. Ein Bauchladen voller Erwartungen und Bedürfnisse an einen anderen gestellt bzw. adressiert, die nur mit großer Mühe erfüllt werden können - wenn überhaupt.

Wir alle tragen das Bedürfnis nach Beziehung tief in unserem emotionalen Geflecht. Es ist Teil unserer Natur, die wir aus dem Mutterleib mitbringen und nach deren Erfüllung wir unser ganzes Leben lang streben. In Beziehung gehen ist in der (sexuellen) Verschmelzung das Aufheben der Getrenntheit, der Dualität zwischen dem männlichen und dem weiblichen Prinzip. Eine Sehnsucht, die so lange in uns vorhanden ist, bis wir in echte Beziehung zu dem einen Menschen kommen.

Das Fatale ist, dass wir in der Regel glauben, wir führten eine echte Beziehung, dadurch tatsächlich aber nur einen Rahmen schaffen, uns selbst aus dem Weg zu gehen.

Denn Beziehung ist immer vor allem die Beziehung zu uns selbst.

Solange wir diese Beziehung zu uns selbst nicht gefunden haben, werden wir immer nur wieder die Leere spüren, die unsere Beziehung zu einem anderen in uns zurücklassen muss. Wir können nicht wirklich mit einem anderen Menschen in Beziehung gehen, solange wir keine echte Beziehung zu unserem Inneren aufgebaut und die Wunden geheilt haben oder zumindest im Begriff sind zu heilen, die dort in Regel auf uns warten.

Bis diese Wunden geheilt sind, müssen wir sie fürchten, da allein nur ihr Anblick unangenehm bis schmerzhaft ist. Sie zu berühren ist vielen von uns unerträglich. Wobei es dort vor allem die Angst vor der Angst ist, die uns zurückhält. Stellen wir uns diesen Wunden und wagen, sie zu berühren, wagen, sie zu beweinen, mit unseren Tränen auszuwaschen, erlauben wir uns hierdurch, zu heilen. Oder um es mit den Worten der von mir hoch geschätzten Jennifer Sonntag zu sagen: "Es ist wirklich befreiend, wenn aus meinen Erkenntnissen dann wahre Glücksblüten werden, aber die Blume braucht bis dahin viele Tränen, bis sie zur Erkenntnis herangewachsen ist."

Wichtig ist, dass die Erkenntnis selbst noch nicht das Ende des Weges ist, sondern dessen Anfang. Sie beschreibt den Auftrag, den wir uns selbst geben und ist somit der erste, sehr wichtige Schritt auf diesem Weg. Sie zeigt uns den Weg in unser Inneres und gibt uns ein gutes Stück unserer Würde zurück.

Das Tückische ist, dass wir nur allzu gerne zu glauben bereit sind, eine Beziehung scheitere oder sei nicht gut, weil der andere nicht genug gibt, nicht genug liebt, nicht genug dieses oder jenes. Damit drücken wir aber nur aus, dass wer auch immer gar nicht genug geben kann, weil wir nicht bereit sind, aufrichtig in Beziehung zu gehen. Denn Beziehung ist immer (!) das aufrichtige in Beziehung gehen mit uns selbst und in der Konsequenz dann mit einem anderen sowie Ausdruck des Wunsches zu geben und der Bereitschaft, zu empfangen. Habe ich keine Beziehung zur mir selbst, fühle ich einen tiefen Mangel in mir und diesen Mangel soll der andere bedienen, die Leere auffüllen. Frei nach dem Motto: "Du musst mir erstmal was geben, bevor Du etwas von mit bekommst." Ein Konzept, das nicht funktionieren kann, nicht zuletzt, weil unser Gegenüber im Zweifel exakt dieselbe Erwartung hat.

Doch nicht minder tückisch ist, wenn wir krampfhaft versuchen, in einer Begegnung etwas sehen zu wollen, was sie nicht ist und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nie sein wird. Wenn wir von einem Gegenüber erwarten oder sogar fordern etwas zu sein, was er oder sie nicht ist, nicht sein kann. Was ein altes chinesisches Sprichwort trefflich auf den Punkt bringt: "Wie weit ein Esel auch gereist sein mag - er wird nicht als Pferd heimkehren." Auch hier sind wir nur allzu gern bereit, aus einem Esel ein strahlendes Pferd, besonders in der Außenwahrnehmung zu machen und uns sowie unserer Umwelt unablässig zu verkaufen, wir hätten natürlich echte Liebe und tiefe Beziehung gefunden. Was sich zum Beispiel darin äußert, ständig Selfies sowie andere Fotos des vermeintlichen Glücks machen und einer mehr oder weniger breiten Personengruppe auf Facebook oder Instagram feilbieten zu müssen. Oft leider nicht mehr, als eine unglückliche Inszenierung, eine Posse in der Außendarstellung, die sich vor allem am Fluidum des eigenen Pathos nährt.

"Wenn ihr keine Beziehungen eingeht, lebt ihr nicht. Euer Leben, eure Beziehungen hängen von eurer Einstellung ab. Ihr könnt auf negative oder positive Weise Beziehung herstellen. Doch sobald ihr eine Beziehung herstellt, lebt ihr. Deshalb ist einer, der negative Beziehungen schafft, lebendiger als ein anderer, der kaum welche hat. Destruktive Beziehungen führen zu einem Höhepunkt, der letztlich dazu dient, das Destruktive aufzulösen. Aber die fehlende Beziehung, meist unter der Maske der Gelassenheit, steht auf einem niedrigeren Entwicklungsstand. Jede Beeinträchtigung der Psyche verhindert das Sichbeziehen auf andere. Fruchtbares Inbeziehungtreten existiert nur soweit, wie die Seele gesund und frei ist.", schreibt Eva Pierrakos in ihrem Buch Bereit sein für die Liebe.

Eine Beziehung zeigt uns als eine Art Barometer, was wir bei uns selbst noch nicht entwickelt, noch nicht erkannt haben. Nehmen wir sie als solche an, als wohlwollenden Lehrer, erfüllt sie zunächst ihren Zweck und hilft uns beim Wachsen sowie Heilen. Ist es echte Liebe, können beide ungehemmt wachsen und aus der Beziehung die Glücksblüte der Erkenntnis werden lassen. Denn beide können in dieser einen Beziehung miteinander weinen, aneinander wachsen und (weiter) heilen. Ist es nicht die eine Beziehung, sondern eine Etappe auf dem Weg zu uns selbst, können wir sie dennoch dankbar als solche wertschätzen und annehmen, ohne aus ihr etwas machen zu müssen, was sie nicht ist. Solange wir nicht in der aufrichtigen Selbstliebe angekommen sind, ist die wahre Liebe zu einem anderen Menschen ohnehin nur ein ferner Traum.

Auf die Frage, was eine bedeutungsvolle, tiefe Beziehung ist, schreibt weiter Eva Pierrakos in ihrem Buch Bereit sein für die Liebe: "Ist der wechselseitige Austausch von Ideen oder der von sexueller Lust das Kriterium? Selbst wenn beide vorhanden sind, wird die Kommunikation dadurch nicht notwendigerweise gut. Das einzig wahre Kriterium ist eure Authentizität, Offenheit und fehlende Abwehr, eure Bereitschaft zu fühlen, euch zu engagieren und euch und alles, was euch wichtig ist, offen und ehrlich einzubringen."

Und Authentizität beginnt immer gegenüber uns selbst.

Solange wir anderen etwas vormachen, machen wir vor allem uns selbst etwas vor. Die Lüge beginnt immer uns selbst gegenüber. Die Inszenierung hat vor allem den Sinn, uns selbst ein besseres Gefühl zu verschaffen. Was leider nur temporär funtioniert, weil es sich qualitativ nicht von einer Droge unterscheidet. Oft kommt der Kater schneller, als der Rausch anhält. Weswegen wir nach Möglichkeit sofort den nächsten Schuss brauchen. Eine Kette des nicht enden wollenden Perpetuierens, deren Sog immer reißender wird, wir eine immer höhere Dosis und immer mehr Energie brauchen, um die Panik niederzukämpfen, die wir tief in uns wachsen spüren, bis wir den Mut finden stehenzubleiben und uns unseren wirklich Themen zu stellen. Etwas, was viele erst schaffen, wenn sie auf breiter Front scheitern und nicht mehr ausweichen können. Oft erst, wenn sie einen enormen Leidensdruck spüren und vor einem Scherbenhaufen stehen, der einst ihr Leben war.

"Es herrscht die kindliche Vorstellung, man sei selbst zu hilflos, um den Lauf einer Beziehung zu bestimmen. Gewöhnlich wird die Beziehung als separate Gegebenheit angesehen, die ihren eigenen günstigen oder ungünstigen Verlauf nimmt.", schreibt Eva Pierrakos weiter in ihrem Buch Bereit sein für die Liebe.

Die gute Nachricht: Es ist nie zu spät, sich einer eigenen Entwicklung zu stellen, in die Aufarbeitung zu gehen und so weit zu heilen, um dann doch noch eine echte Beziehung voller Wärme, Zärtlichkeit und Liebe zu erleben. Auch wenn der Berg, dem wir uns stellen müssen, mit jedem Tag ein wenig höher wird.