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Das Fühlen ist eine Fähigkeit, die wir in der Regel nicht lernen dürfen. Durch die Sozialisation mehr oder weniger in die Anpassung getrieben, können wir oft nur überleben, indem wir uns von unseren urtümlichen, natürlichen Emotionen distanzieren oder sogar abschneiden.

So einfach und klar das Thema Fühlen auf den ersten Blick erscheinen mag, so komplex und herausfordernd ist es auf den zweiten.

Selbstverständlich hat jeder Mensch, wie auch jede andere Lebensform, Gefühle. Es ist nur oft ein Unterschied, etwas zu fühlen, sich in einem emotionalen Zustand zu befinden, ihm ausgeliefert zu sein und ihn differenziert sowie präzise benennen zu können. Noch schwieriger ist es vielen, die Ursachen für vor allem schlechte Gefühle zu ermitteln und dann Wege zu finden, diese schlechten Gefühle zu lindern oder sogar aufzulösen.

Viele Menschen in unserem Kulturkreis sind ihren Gefühlen sogar hilflos ausgeliefert, sind im Gegenteil sehr bemüht darum, sie zu kompensieren und ihre gesamte intellektuelle Kapazität dafür aufzubringen, sie sich selbst und ihrer Umwelt so hinzubiegen, dass sie doch noch passen. Denn die eigene Gefühlssituation ist uns oft unerträglich. Auch wenn wir nicht genau sagen können warum, fühlt es sich komisch, nicht richtig, oder sogar furchtbar an.

Erschwerend kommt hinzu, dass wir dabei nicht selten in unserer mehr oder weniger gut ausgebildeten Kognition gefangen sind und diese gerne mit Gefühlen verwechseln. Was noch ein verschärfendes Drehmoment für die unter uns mit sich bringt, die lernen mussten, auch die kleinsten Signale wahrzunehmen, um überleben zu können. Für sie ist es besonders schwierig, die Vorsicht oder sogar Angst, die früher so wichtige Schutzfunktionen waren, herunterzufahren und Situationen sowie die Gefühle, die in ihnen warten, einfach zuzulassen und anzunehmen. So, wie wir gelernt haben, dass nur die Ratio, nur unser Verstand und die Logik richtige Antworten auf unser Leben geben können, haben wir auch gelernt, dass unser Fühlen durch unsere Kognition bestimmt wird. Etwas, was eine völlig neue Qualität bekommt, wenn man sich beispielsweise in die Perspektive eines blinden Menschen versetzt. Sie zeigt die eigentliche Herausforderung: Das sich Konzentrieren auf das Innere, die eigene Mitte.

Mögliche, mir bekannte Wege, die in unsere Mitte führen können, sind beispielsweise die Meditation, Yoga oder Aikido.

Aber diese Wege sind keine Garantie, in die eigene Mitte zu finden. Zumal sie vielen so lange verschlossen bleiben, bis sie es schaffen, sich aus dem Knebelgriff ihrer Ratio zu befreien. Versuche, in die Meditation zu kommen, scheitern nicht nur an Ungeduld und der Bewertung der eigenen Person (also dem Versuch es richtig zu machen), sondern auch daran, die rationale Wahrnehmung nicht loslassen zu können - nicht zuletzt aus Angst, die Kontrolle zu verlieren. Wobei letzteres exakt ein Ziel dieser Übung ist. Die Kontrolle auf- und sich dem eigenen Prozess hinzugeben sowie sich selbst zu spüren, ohne sich dabei zu bewerten, ohne zu denken.

Hinzu kommt, dass wir die Sprache unserer fühlenden Bereiche in der Regel zunächst nicht verstehen und erst lernen müssen, wenn wir anfangen auf den Weg nach innen zu gehen. Das verwundert nicht, bekommen wir das Verstehen unserer natürlichen Urimpulse aberzogen und stattdessen künstliche antrainiert. Im Gegensatz zu Tieren, die nur Reaktionsweisen durch Konditionierung antrainiert bekommen, aber immer instinktgesteuert bleiben - was sich beispielsweise bei Hunden sehr gut beobachten lässt, es sei denn, sie wurden extrem abgerichet -, verinnerlichen wir die erlernten Muster so sehr, dass wir sie als unsere eigenen annehmen und zunächst nicht mehr unterscheiden können, ob es sich um ein erlerntes Muster oder unser natürliches Empfinden handelt. Die erlernten Muster werden unsere unbewusst zugängliche Ebene, die auch das Verständnis unserer Kognition und somit den uns bewusst zugänglichen Bereich des Erlebens steuern, ohne dass wir es im Zweifel merken. Diese Muster decken unsere urspürngliche Wahrnehmung zu und verwähren uns den Zugang. Das macht die Sache so schwierig.

Unser eigentliches, natürliches Empfinden wird durch diese Mechanismen verdrängt und ist für uns auch dann nicht oder nur schwer erreichbar, wenn wir es bewusst möchten.

Aber genau dieses natürliche Empfinden ist es, das wir wiederfinden müssen, wenn wir in die Authentizität kommen wollen. Hierzu müssen wir die unbewussten Muster identifizieren, verstehen und auflösen. Eine Aufgabe, die viel Mut zur Selbstreflexion und nicht selten Hilfe erfordert, weil wir zunächst gar nicht sehen können, dass wir unbewusst gesteuert werden. Hilfe bekommen wir von unserem Körper in Form von psychischen Symptomen, wie etwa Depressionen, Neurosen oder Paranoia und/oder durch körperliche Symptome, wie ich sie in der in meinem Webinar "Symptomsprache" vorstelle. Hinweise, die wir nur in der Regel als sehr unwillkommen erleben und nicht als Hinweise annehmen können, sondern versuchen zu bekämpfen. Ein Kampf, den wir nicht gewinnen können.

Aber der Weg ins Gefühl lohnt sich.

Sind wir erstmal im eigenen Gefühl, in unserer Mitte angekommen, können wir ihm getrost die Führung übergeben und vertrauen. Denn unser echtes Gefühl betrügt uns nie und leitet uns sicher durch die Stromschnellen des Lebens.