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Entwicklung ist oftmals ein missverstandenes Konzept. Viele Menschen glauben, sie käme mit zunehmendem Alter und gemachten Erfahrungen automatisch - quasi als implizites Ergebnis, als Lieferung frei Haus. Eine mehr als unglückliche Fehldeutung.

So verlockend und bequem dieser Gedanke auch sein mag: Entwicklung ist das Ergebnis harter Arbeit und intensiver Auseinandersetzung mit der eigenen Person sowie den erlernten, psychischen Mustern, die in der Regel in uns wirken, ohne, dass wir es zunächst bewusst merken. Vor allem aber ist sie das Ergebnis eines mutigen sich selbst Begegnens, des Anschauens unangenehmer oder sogar schmerzhafter Erfahrungen und Wesenszüge sowie einer aufrichtigen Selbstreflexion.

Leider erlebe ich immer wieder bei Menschen die Haltung, sie wüssten bereits über alles Bescheid, weil sie Bücher gelesen und sich über sich Gedanken, vielleicht sogar schon eine Therapie gemacht haben. Ganz sicher keine falschen Maßnahmen. Aber tückisch, wenn keine nachhaltige Veränderung stattgefunden hat und diese Maßnahmen zu einem emotionalen Alibi mutieren.

Sie glauben andere in ein paar Sekunden einschätzen zu können und driften nur allzu gerne in die Bewertung sowie vorschnelles Urteilen, übersehen dabei aber mit einer für mich erstaunlich ausgeprägten, kognitiven Dissonanz, dass ihre Rückschlüsse nur dann zutreffen, wenn sie es mit stereotypen und sehr konventionellen Gegenüber zu tun haben. Bei den übrigen liegen sie nur zu gerne völlig daneben und dichten der oder dem anderen an, sie oder er habe ein Wahrnehmungsproblem.

Wobei die Verhaltensform, dass ohnehin Probleme und Fehler grundsätzlich nur bei anderen liegen, ein charakteristischer Wesenszug der Betroffenen ist. Ein Wesenszug, der nicht selten auf eine narzisstische Störung hinweist. Sie vermitteln nicht selten ihrem Gegenüber ein schlechtes Gefühl und transportieren mehr oder weniger subtil, der andere sei unzulänglich und hätte noch einiges zu lernen. Dabei stellen sie erstaunlich wenig Fragen und sind schnell mit Antworten zur Hand - auf Fragen, die im Zweifel nie gestellt wurden. Werden sie auf ihre eigenen dunklen Flecken angesprochen oder gespiegelt, reagieren sie sofort mit Abwehr, bis hin zu aggressivem in Verteidigung Gehen.

Sie entsprechen Adornos Definition eines Halbgebildeten, der glaubt, etwas verstanden zu haben und diese Wahrheit im Zweifel bis aufs Messer verteidigen muss.

Selbstverständlich ist das eine Entwicklung verhindernde Haltung.

Wachstum und das Aufdecken eigener Muster ist in einem solchen emotionalen und mentalen Milieu schlicht unmöglich. Wer solche Wesenszüge an sich selbst entdeckt, ist gut beraten, sich Wege anzusehen, sie aufzulösen. Erst dann werden Wachstum und Heilung möglich. Alter und Entwicklung haben nicht notwendiger Weise etwas mit einander zu tun. Entwicklung ist immer eine aktive Entscheidung. Sie kommt nicht einfach so, nur weil wir mehr oder weniger lange auf dieser Erde wandeln.

Auch bei denen, die sich auf den mutigen Weg in eine Aufarbeitung machen, ist echte und nachhaltige Entwicklung nicht garantiert. Das können wir immer wieder bei Menschen erleben, die eine Therapie gemacht haben und glauben, damit sei das Thema vorbei. Nicht zuletzt, weil die wenigsten Therapeuten/Coaches wirklich in der Lage sind, kompetent zu begleiten. Damit will ich nicht den schwarzen Mann an die Wand malen. Vielmehr wollen diese Worte vor fatalen Trugschlüssen warnen, wie sie mir immer wieder begegnen.

Ich wünsche jedem Menschen von Herzen die echte Entwicklung sowie ein wirklich durch und durch positives Lebensgefühl.