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Der Wunsche nach der einen, beständigen Beziehung ist das, was die meisten Menschen umtreibt. Zumindest in unserer postindustriellen, an vielen Stellen gesättigten Gesellschaft, deren Menschen sich nach mehr sehnen, als nach hohlen Phrasen und sexuellen Begegnungen ohne Substanz.

Besonders, wenn die Menschen schon einige Erfahrungen gemacht haben, wird der Wunsch nach Tiefe und Beständigkeit immer größer. Sehr verständlich, denn gerade nach einigen Erfahrungen wird vielen bewusst, dass eine vielleicht aufregende körperliche Begegnung, mit einem Menschen, der optisch und sexuell anziehend ist, nicht den Wunsch nach dem zu stillen in der Lage ist, was sich viele tief in ihrem Inneren ersehnen.

Echte Nähe.

Wirklich gesehen werden.

Mehr noch, den einen Spiegel im anderen zu finden, der uns Bereiche an und in uns selbst zeigt, die wir allein oder mit dem falschen Partner nicht sehen können.

Nur habe ich oft festgestellt, dass sich Binsenweisheiten wie mentale Blutegel in der Vorstellung vieler festgesaugt haben, wenn das Thema zur Sprache kommt. Binsenweisheiten der Marke: "Beziehung ist Arbeit." oder "Man muss Kompromisse eingehen, damit eine Beziehung funktioniert." aber auch "Man muss bereit sein, Gefühl zu investieren und den anderen zuzulassen."

Oft erlebe ich solche Ansätze als sehr hilflos und verzweifelt. Hilflos, weil unverändert missverstanden zu sein scheint, was Liebe eigentlich ist und hilflos, weil wir nur allzu gern versuchen, zu erzwingen, was nicht erzwungen, geschweige denn kontrolliert werden kann. Immer wieder erlebe ich Frauen wie auch Männer, die versuchen aus Begegnungen etwas zu machen, was sie nicht sind und nie sein werden. Allzu gern reden wir uns fleißig etwas ein und wundern uns hinterher, wenn die Situation wieder gescheitert ist.

Das Zauberwort heißt Gefühl.

Liebe ich den Menschen wirklich oder rede ich mir nur ein, zu lieben? Was ist Liebe eigentlich? Wie erkenne ich sie? Wann stecke ich in einer Projektion und versuche jemanden etwas sein zu lassen, was er/sie nicht ist?

Meiner Erfahrung zufolge ist Liebe nicht das Kribbeln im Bauch, die Aufregung, den anderen zu sehen, das leichte Gefühl, beschwingt und energetisiert durch den anderen zu sein, wie ich es oft gehört habe. Liebe geht sehr viel tiefer. Sie erfüllt das Herz und geht bis an den tiefsten Punkt. Sie macht absolut wehrlos und liefert uns auf Gedeih und Verderb aus. Sie macht sehr verletzlich, ohne zu verletzen. Sie bringt uns an unsere Grenzen, ohne, dass wir etwas dagegen tun können. Bei der echten Liebe reagiert jede Zelle unseres Körpers auf den anderen, trifft die Energie mitten ins Herz, wie ein Blitz.

Wenn dieses Gefühl für einen Menschen vorhanden ist, gibt es nichts Wichtigeres, als dass es diesem Menschen gutgeht. Dann ist es keine Arbeit, sich dafür zu engagieren, sondern ein tiefes Bedürfnis. Dann braucht es keine Kompromisse, weil es keine Freiheiten, keine Bedürftigkeiten zu verteidigen gibt. In einer solchen Liebe gehören sich die beiden Menschen gegenseitig, ohne aktiv besitzen oder gar kontrollieren zu müssen. Sie erleben die totale Freiheit, gerade weil sie absolut im Herzen gebunden sind. Es muss nicht nachgeholfen werden, braucht keine Motivation, kein tägliches sich dem anderen Verkaufen.

Mir ist klar, dass das für so manchen wie ein unrealistisches Märchen klingt.

Aber genau das ist die Voraussetzung für eine Beziehung, die nicht endet und nicht durch irgendwelche Aktionen gepflegt werden muss. Braucht es solche Pflege oder das, was als Arbeit beschrieben bzw. erlebt wird, ist das ein sicheres Zeichen, dass es sich nicht um echte Liebe handelt. Daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen, wenn sich beide darüber klar sind. Gegen eine schöne, gemeinsame Zeit gibt es aus meiner Sicht nichts einzuwenden. Aber sich einzureden, es müsse Liebe sein, halte ich für unglücklich. Wenn wir bewusst die Dinge so sehen, wie sie sind, nicht wie wir sie haben wollen und uns wünschen, können wir die Situation so gestalten, dass sie sich für jeden gut anfühlt. Aber wenn Erwartungsdruck und falsche Vorstellungen entstehen, wird alles erfahrungsgemäß schwierig und unentspannt.

Eine schön gestaltete Beziehung kann sehr lang halten, erfahrungsgemäß aber nicht ewig. Denn irgendwann brechen die ungestillten Sehnsüchte durch. Das sind nicht selten die Momente, die dann auch zum Fremdgehen oder anderweitigem Ausbrechen motivieren. Das Schlimmste ist wohl die Unehrlichkeit, die für gewöhnlich in dem Thema vorherrscht. Wenn wir ehrlich mit uns und unserem Gegenüber umgehen, lassen sich Probleme vermeiden und Situationen frei gestalten.