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Gerade, wenn wir noch sehr in der Anpassung und negativen Denkmustern verhaftet sind, neigen viele von uns dazu, perfekt sein zu wollen. Damit schaffen wir uns ein wunderbares Mittel, uns selbst klein und am Boden zu halten, aber vor allem unserer Umwelt beweisen zu wollen. Aber egal, was wir leisten - es scheint nicht zu reichen.

Viele von uns mussten die Erfahrung machen, nie gut genug gewesen zu sein, um die Liebe zu bekommen, die wir so sehr gebraucht hätten.

Immer war Liebe, oder auch Anerkennung, an Leistung geknüpft, die wir zu erbringen hatten. Eine Messlatte, die immer höhergeschraubt wurde und hierdurch unerreichbar blieb, einem Köder gleich, der einem Hund beim Hunderennen vor der Nase hergezogen wird, damit er die höchstmögliche Leistung bringt, ohne, dass er den Köder je bekommt.

So wurden wir darauf konditioniert, immer nur das zu sehen, was wir nicht sind, nicht können, nicht leisten. So wurde unsere Realität darauf programmiert, dass das Glas immer halb leer ist.

Gleichgültig, wie gut wir sind, was wir alles können und tun - es ist nicht gut genug, reicht nicht, muss getoppt werden, damit wir für einen Lidschlag das Gefühl haben, etwas wert zu sein, um dann auf dem Fuße wieder in den Modus zu verfallen, besser sein zu müssen.

Und mit dem nicht gut genug sein Können geht in der Regel die Selbstbestrafung einher, das uns selbst Zerfleischen und Fertigmachen.

Oft sind wir selbst unsere schlimmsten Richter und Peiniger. Nicht selten, um uns selbst wehzutun, bevor es andere können - allen voran diejenigen, die uns in diesen Modus gezwungen haben: unsere Eltern. Um sie zu schützen, opfern wir uns lieber selbst. Denn das Elterntabu ist ungebrochen omnipräsent.

Viele von uns finden sich in einer emotionalen Situation wieder, in der wir uns leer fühlen und diese Leere versuchen müssen, mit käuflichen Dingen aufzufüllen. Die Hoffnung ist, irgendwann so perfekt in der Außenwahrnehmung zu sein, dass wir endlich die Liebe und Anerkennung bekommen, die wir so sehr vermissen. Von diesem Perfektionswahn lebt nicht zuletzt eine ganze Industrie, die uns die neueste Mode, Make-up, Fitness, Autos und andere, wie ich sie nenne, Ego-Prothesen verkauft, uns unablässig einredend, wir müssten nur die richtigen Accessoires unser Eigen nennen und nur perfekt genug aussehen, um endlich wer zu sein, in jedem Fall mehr, als wir ohne sie sind.

Dabei reicht es oft schon, sich einfach nur herumzudrehen und uns anzuschauen, was wir schon alles erreicht, geleistet und entwickelt haben, um uns besser zu fühlen.

Wobei eine echte Lösung für dieses Thema etwas ist, was wir in unserem Kulturkreis in der Regel betont nicht entwickeln: eine autonome Identität.

Perfektionismus drückt vor allem ein Gefühl von Mangel aus, das wir entwickeln und kultivieren, als einen Bestandteil einer ungesunden und unnatürlichen Persönlichkeit, anstatt einer eigenständigen Identität aufbauen mussten. Oder auch einer, wie ich sie nennen, sozialisierten Persönlichkeit.

Somit ist der Perfektionismus nur ein Spiegel einer ungesunden Entwicklung und kann uns dabei helfen, diese Entwicklung sowie ihre Folgen für unsere seelische Gesundheit zu sehen und in unser Bewusstsein zu ziehen. Wenn uns das gelingt, haben wir die Chance, die Folgen einer solchen Entwicklung zu überwinden und für uns neue Wege zu finden, mit uns selbst umzugehen, uns zu spüren und zu erleben.

Wege hierzu sowie ein tieferes Verständnis dieser Mechanismen sind unter anderem Thema des Webinars Der Fremde in uns.