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Immer mehr Begriffe tauchen auf, die mehr oder weniger trefflich zu umschreiben suchen, wie der Mensch so drauf, wie er einzuordnen und welchen Neigungen - auch oder besonders sexuell - er zuzuordnen ist.

"In letzter Zeit liest man häufig Artikel, in denen Menschen darstellen, bekennen, 'wie es ist', sapiosexuell zu sein. Woher kommt im Bereich des Erotischen das Bedürfnis, für Neigungen, Tendenzen, Vorlieben Wörter zu finden, die aus ihnen eine - zumindest für den Moment - fixierte Orientierung machen? Ich habe über Wörter und ihre magische Wirkung nachgedacht. Ich glaube, es handelt sich hier auch um die Konsequenz eines Denkens, das aus dem Kampf von Minderheiten um Sichtbarkeit resultiert: Was nicht sagbar ist, ist nicht sichtbar, wenn etwas nicht sichtbar ist, kann es nicht um gesellschaftliche Anerkennung kämpfen. Das stimmt natürlich und ist sicher häufig sinn- und kraftvoll, wenn man sich ein Schlagwort (butch zum Beispiel) zuschreibt, weil das dem eigenen Lebensgefühl, der eigenen Identität auf einmal ein Label gibt, man sich zugehörig fühlt. Aber was bedeutet es, wenn diese Logik auf alle Facetten der Sexualität überspringt und wir auf einmal alle ganz genau sagen können wollen, was wir sind? Als ginge es nur noch darum, das eigene Begehren auf einer Skala zu verorten, die Faktoren, die in ihm vorkommen, miteinander zu kombinieren? Beispiel heteroflexible-demi-sexual. Ist das dann nicht magisches Denken? Der geheime Name, der nur ausgesprochen werden muss und dann ist alles gut? Wenn man mal auf Tinder geht, sieht man häufig Exklusionsakte: Bitte keine transphobic, queerphobic... Sexpositive, feminist, please don't contact me if... Ständige Distanzierungsakte, als könnte man sich vor etwas schützen (no ONS), indem man sich nur ganz genau definiert, ganz genau sagt, was Sache ist und dann kann sich der andere auch ganz genau definieren und dann kann man sich miteinander abgleichen. Aber ist das spannende nicht gerade das, was man nicht weiß? Über sich? Über den anderen? Über das, was erst entsteht?", schreibt Hannah Lühmann zu ihrem Artikel in der Welt auf Facebook.

In meiner Wahrnehmung drückt diese Entwicklung vor allem aus, wie hilflos wir in diesen Themen oft sind und wie sehr bemüht, sie kontrollieren sowie nach unseren Vorstellungen gestalten zu wollen. Da wir oft nicht in der Lage sind, aufrichtig und authentisch in Beziehung zu gehen - nicht zuletzt aus Angst, verletzt zu werden - sollen Begrifflichkeiten helfen, Enttäuschung zu vermeiden und uns für einen passenden Partner kenntlich zu machen. Die Kontrolle soll richten, was der fehlende Kontakt zum eigenen Selbst vermissen lässt: Gefühl.

Wenn ein Kontakt zu sich selbst vorhanden ist - also auch eine Identifikation mit dem eigenen, autonomen Selbst - und ein Gefühl klar gespürt und definiert werden kann, rückt das Bemühen um die "perfekte" Sexualität in der Regel völlig in den Hintergrund, weil eine einzige Berührung aufregender oder ein Blick des geliebten Wesens intensiver und wundervoller ist, als der geilste und ausdauerndste Koitus mit einem Menschen, den wir nicht lieben.

Da aber die wahre Liebe extrem selten ist, wird der Wunsch nach Kontrolle und die ihn ausdrückende Wortakrobatik für die Menschen wichtig. Ganz sicher nicht zuletzt, weil sie verzweifelt nach Wegen suchen, der allgemein und in den allermeisten Beziehungsversuchen spürbaren Bedeutungslosigkeit zu entkommen, doch noch Schönes und Aufregendes zu erleben und hierdurch vielleicht durch die Hintertür die Liebe zu erzeugen, nach der wir uns so sehr sehnen.

Eine Rechnung, die mit absoluter Regelmäßigkeit grandios scheitert und im Gegenteil nur noch mehr Enttäuschung sowie Leere, gefolgt von Ratlosigkeit erzeugt und in endlosen Analysen endet, warum es auch diesmal wieder schiefgelaufen ist, obwohl doch so viel Mühe investiert wurde, es endlich richtig zu machen.

Doch genau das ist das Wesen von Kontrolle: Sie erzeugt am Ende, was sie verhindern sollte. Etwas, was Paul Watzlawick so treffend als selbsterfüllende Prophezeiung betitelt hat. So, wie mich eine Teilnehmerin einst fragte, ob ich denn nicht auch bemüht sei, alles so richtig wie möglich zu machen. Das Einzige, was ich ihr darauf antworten konnte war: "Nein. Ich möchte einfach nur echt sein."

Kreative Begrifflichkeiten und der Versuch, Sexualität als Medium der Beziehungsgestaltung zu kontrollieren, wird die eigentlichen Ursachen für erlebte Enttäuschungen nicht berühren und in der Konsequenz nicht auflösen. Erst, wenn wir uns selbst und den Weg in die Authentizität gefunden haben sowie bereit sind, uns auf einen Menschen, mit allen Konsequenzen einzulassen, haben wir eine Chance, die Form von wahrer Liebe zu fnden, die sich so viel so sehr wünschen.