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Es ist immer wieder erstaunlich, wie attraktiv das Leben anderer Menschen offensichtlich ist, wie sehr sich Menschen den Kopf anderer zerbrechen, sie sich mit den wie auch immer gearteten Situationen anderer beschäftigen, diskutieren, sich Meinungen bilden und diese zum Teil sehr kontrovers miteinander ausfechten.

Diskussionen dieser Art lassen sich immer wieder beobachten, wie jüngst, nach dem Tod des Linkin Park Sängers Chester Bennington, nach dessen Ableben die sozialen Netze brodelten und viele sich berufen fühlten, hierzu eine Meinung nicht nur zu haben, sondern auch kundtun zu müssen - wenn auch nur für kurze Zeit. Es wurde sogar darüber gestritten, ob Bennington verantwortunslos sei, weil er sich (laut Medien) selbst das Leben genommen habe, während andere wild spekulierten, er könne aus dem Weg geräumt worden sein, weil er etwas Geheimes wusste. Teilweise wurden diese Diskussionen mit einer Aggression geführt, die - rein vom psychologischen Standpunkt her - sehr faszinierend ist, da sie zeigt, wie willig Projektionsflächen angenommen und für die eigenen, unaufgearbeiteten Themen in der Übertragung benutzt werden. Aber so faszinierend es ist, so erschreckend ist es auch, weil es einmal mehr zeigt, in welch absurde Reaktionen uns die Anpassung treibt.

Ereignisse dieser Art scheinen mehr als willkommen, um sich mit etwas zu beschäftigen, was nicht das Geringste mit dem eigenen Leben zu tun hat.

Sie liefern ein Schlüsselloch in ein anderes Leben - oder wie in dem zitierten Fall Ableben - bedienen ganz sicher auch voyeuristische Bedürfnisse, aber lenken vor allem von dem eigenen Leben ab. Das Serienprinzip. Aber auch das Prinzip, mit dem sich Promi-Magazine eine goldene Nase verdienen, indem sie alles nur Erdenkliche aus dem Leben anderer erzählen.

Aber was sagt das Konsumieren anderer Lebenssituationen über die Konsumenten?

Im Grunde doch nur, dass deren eigene Leben nicht interessant genug sind, um sich mit ihm zu beschäftigen, die Person sich selbst nicht für wichtig genug hält und deswegen mit dem Fokus ihres Interesses auf vermeintlich wichtigere ausweichen muss. Oft gepaart mit Egozentrik, bis hin zum Narzissmus, mit dem genau dieser Mangel an Wertempfinden für sich selbst kompensiert und überspielt wird. Auch oder besonders durch das Inszenieren im Außen, in eben solchen Diskussionen, versuchen diese Menschen, ein Bild von sich selbst zu transportieren und solcherlei Situationen maximal für sich selbst auszuschlachten. Ein Bild, wie sie gerne sein würden und von ihrer Umwelt wahrgenommen werden möchten.

Macht es uns nicht besser, wenn wir anderen ihr Versagen und ihre Fehlbarkeit nachweisen und öffentlich anprangern können...?

In jedem Fall zeigt das Interesse an und sich Ereifern für solche Themen sehr deutlich, dass noch kein Kontakt zu der eigenen Person und keine eigene, autonome Identität vorhanden ist. Somit ist es ein wichtiger Hinweis auf die Kompensation eines inneren Mangels und nicht einfach nur eine Affinität. So, wie auch andere Formen der Anpassung - immer modisch sein zu wollen, jedem Trend nachzulaufen und jede Form von Ego-Prothese - klar aufzeigen, wie abhängig Menschen in einer sozialisierten Persönlichkeit von der Meinung ihrer Umwelt sind und wie wenig sie ihren Wert in sich selbst gefunden haben.

Viele Wirtschaftszweige leben von diesem Mangel und trichtern den Menschen, nicht zuletzt über die Werbung, immer und immer wieder ein, sie müssten nur die angesagten Produkte konsumieren, um sich besser zu fühlen, dazu zu gehören und in der Außenwahrnehmung anerkannt zu sein. Was in Deo-Werbung gipfelt, die junge Männer zeigt, die durch den Duft des Deos für unverschämt attraktive Frauen absolut unwiderstehlich werden. Wer das glaubt, glaubt vermutlich auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten.

Das Tückische ist, dass Menschen in einer solchen mentalen und emotionalen Verfassung leichte Beute für Versprechungen und vermeintlich einfache Antworten sind. Deswegen funktionieren die Manipulationsfeldzüge auch immer wieder mit atemberaubender Effizienz, während im gleichen Atemzug alle Möglichkeiten, wirklich etwas zu verändern, abgewehrt werden, weil sie Einsatz und komplexere Auseinandersetzungen mit sich selbst erfordern.

Wenn wir wirklich einen Kontakt zu uns selbst aufgebaut haben, müssen wir uns nicht mehr mit den Leben anderer beschäftigen, die wir im Zweifel nie kennenlernen werden und uns nicht mehr versuchen, über käufliche Dinge aufzuwerten.

Ganz sicher ist es ein lohnendes Ziel, diese Freiheit zu erlangen.